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2. Sieben Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie
In Kürze
- 2.1 Der Begriff des Wissenschaftsparadigmas
- 2.2 Das psychoanalytische Paradigma
- 2.3 Das behavioristische Paradigma
- 2.4 Das Eigenschaftsparadigma
- 2.5 Das Informationsverarbeitungsparadigma
- 2.6 Das neurowissenschaftliche Paradigma
- 2.7 Das dynamisch-interaktionistische Paradigma
- 2.8 Das evolutionspsychologische Paradigma
Unter einem Paradigma einer Wissenschaft wird ein Bündel von theoretischen Leitsätzen, Fragestellungen und Methoden zu ihrer Beantwortung verstanden, das das Vorgehen einer größeren Zahl von Wissenschaftlern in einer bestimmten historischen Periode der Wissenschaftsentwicklung charakterisiert. In Kapitel 2 werden 7 Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie sieben Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie, die die heutige Persönlichkeitspsychologie stark beeinflusst haben, in ihrer historischen Reihenfolge dargestellt. Es besteht also aus einer Übersicht über psychologische Theorien der Persönlichkeit und ihre charakteristischen Methoden. Jedes Paradigma wird charakterisiert durch sein allgemeines Menschenbild, das zugrundeliegende Persönlichkeitskonzept, die Methodik der Forschung, die Bewährung des Paradigmas in der empirischen Forschung und eine abschließende Bewertung.
Psychoanalytisches Paradigma
Das psychoanalytische Paradigma mit seiner Betonung unbewusster Abwehrmechanismen und der Charakterbildung durch unverarbeitete Kindheitskonflikte erwies sich aus methodischen Gründen als ungeeignet für die Persönlichkeitspsychologie, lieferte jedoch zahlreiche Annahmen über Persönlichkeitsunterschiede und ihre Entwicklung, die sich zum Teil als unüberprüfbar oder als falsch erwiesen, zum Teil aber auch die spätere empirische Forschung inspiriert haben.
Behavioristisches Paradigma
Das behavioristische Paradigma, das sich auf beobachtbares Verhalten beschränkte und innere Prozesse als empirisch-wissenschaftlich unzugänglich betrachtete, reduzierte Persönlichkeitsunterschiede auf erlernte Unterschiede und war anfangs äußerst optimistisch, was die Veränderbarkeit der Persönlichkeit durch gezielte Beeinflussung anging. Später zeigte sich, dass Lernen durch die Persönlichkeit, insbesondere genetisch, beeinflusst ist, und Persönlichkeit keineswegs immer auf Lernen rückführbar ist.
Eigenschaftsparadigma
Das Eigenschaftsparadigma knüpfte an das alltagspsychologische Verständnis der Verhaltensdisposition an und entwickelte ein umfangreiches methodisches Instrumentarium zur empirischen Prüfung der alltagspsychologischen Annahmen, dass Persönlichkeitseigenschaften zeitlich und von Situation zu Situation und Reaktion zu Reaktion konsistent seien. Dabei zeigte sich, dass die meisten alltagspsychologisch vermuteten Eigenschaften tatsächlich zumindest über kürzere Zeiträume stabil sind, von Situation zu Situation und Reaktion zu Reaktion aber deutlich variieren. Was dabei jedoch meist stabil bleibt, ist das individuelle Profil der situationsspezifischen bzw. reaktionsspezifischen Eigenschaftsausprägung (individuelle Situations- bzw. Reaktionshierarchien). Dadurch liefert das Eigenschaftsparadigma ein tragfähiges Fundament für die Persönlichkeitsdiagnostik und langfristige Verhaltensvorhersagen.
Informationsverarbeitungsparadigma
Die "kognitive Wende" führte Verhalten auf Informationsverarbeitungsprozesse zurück und wandte sich damit wieder denjenigen inneren Prozessen zu, die der Behaviorismus und z.T. auch das Eigenschaftsparadigma ausgeklammert hatten. Dadurch können Persönlichkeitseigenschaften in Form stabiler Parameter von informationsverarbeitenden Prozessen in Modelle der Informationsverarbeitung eingebettet werden. Eigenschaften sind damit nicht mehr auf direkt Beobachtbares oder verbal Berichtbares beschränkt. Die psychoanalytische Annahme, dass die meisten persönlichkeitsrelevanten Prozesse unbewusst bleiben, erfuhr im Informationsverarbeitungsparadigma eine klare Bestätigung und wurde in Mehrebenenmodellen aufgegriffen, in denen z.B. zwischen impulsiven versus reflektiven Prozessen, implizitem versus explizitem Wissen und spontanem versus kontrolliertem Verhalten unterschieden wird. Dabei blieb die Frage, wie bewusste Prozesse zustande kommen, bis heute unbeantwortet.
Neurowissenschaftliches Paradigma
Das neurowissenschaftliche Paradigma versucht, Persönlichkeitsunterschiede auf physiologischer und anatomischer Ebene zu untersuchen. Biologistische Auffassungen, wonach Ursachen für psychologische Phänomene primär in neurowissenschaftlichen Phänomenen zu suchen seien, und psychologistische Auffassungen, wonach das Umgekehrte gilt, sind dabei zu einseitig. Vielmehr dominiert je nach Phänomen eher die eine oder die andere Kausalrichtung. Der Ansatz, individuelle Parameter des Nervensystems, des hormonellen Systems oder des Immunsystems mit Persönlichkeitseigenschaften zu korrelieren, erwies sich weitgehend als Sackgasse, weil die Korrelationen fast immer sehr niedrig ausfielen, u.a. bedingt durch ausgeprägte individuelle Reaktions- und Situationshierarchien. Neuere Ansätze versuchen, physiologische Systeme zu isolieren und deren Aktivität auf Persönlichkeitsunterschiede hin zu untersuchen (systemorientierter Ansatz) oder die physiologische Aktivität unter Alltagsbedingungen längerfristig zu untersuchen (ambulantes Monitoring). Trotz des rasanten Fortschritts der Neurowissenschaften ist ihr Ertrag für das Verständnis von Persönlichkeitsunterschieden derzeit aber gering. Ein grundsätzliches Problem besteht darin, dass Erleben und Verhalten emergente Eigenschaften hat, die sich neurowissenschaftlich nicht oder nur äußerst umständlich beschreiben lassen.
Dynamisch-interaktionistisches Paradigma
Das dynamisch-interaktionistische Paradigma erweitert die zeitliche Perspektive auf langfristige Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung im Kontext der Umweltentwicklung. Während früher die Persönlichkeit primär als Funktion ihrer Umweltbedingungen verstanden wurde, beziehen die neueren dynamisch-interaktionistischen Ansätze Wirkungen der Persönlichkeit auf ihre Umwelt mit ein, z.B. die Beeinflussung des Erziehungsstils der Eltern durch die Persönlichkeit ihres Kindes. Entsprechende Entwicklungsmodelle werden diskutiert und die Methodik der längsschnittlichen Prüfung von Einflüssen auf die Persönlichkeits- und Umweltentwicklung wird in Grundzügen dargestellt.
Evolutionspsychologisches Paradigma
Das evolutionspsychologische Paradigma schließlich fragt nach den "Letztursachen" von Persönlichkeitsunterschieden: warum gibt es sie überhaupt, warum sind sie so groß wie sie sind und weshalb wirken Umwelt und Persönlichkeit so aufeinander, wie sie es tun? Die Ursache hierfür wird in evolutionären Anpassungsprozessen an frühere Umwelten im Verlauf der Jahrmillionen dauernden Evolution der Arten gesucht, z.B. natürliche Selektion, intra- und intersexuelle Selektion, frequenzabhängige Selektion und die Selektion konditionaler Entwicklungsstrategien. Derartige ultimate Erklärungen werden von proximaten Erklärungen unterschieden, die Persönlichkeitsunterschiede und Umwelteffekte auf die Persönlichkeit und umgekehrt durch evolvierte psychologische Mechanismen (EPMs) erklären. Dabei müssen die ultimaten Erklärungen recht spekulativ bleiben, weil sie auf Annahmen über unsere evolutionäre Vergangenheit beruhen, die sich oft nur schwer überprüfen lassen.