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6. Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
Selektive Aufmerksamkeit - Optische Täuschungen - Wahrnehmungsorganisation - Wahrnehmungsinterpretation - Gibt es außersinnliche Wahrnehmung?
In Kürze
Inhalt
- 6.1 Selektive Aufmerksamkeit
- 6.2 Optische Täuschungen
- 6.3 Wahrnehmungsorganisation
- 6.3.1 Formwahrnehmung
- 6.3.2 Tiefenwahrnehmung
- 6.3.3 Bewegungswahrnehmung
- 6.3.4 Wahrnehmungskonstanz
- 6.4 Wahrnehmungsinterpretation
- 6.4.1 Sensorische Deprivation und wiederhergestelltes Sehvermögen
- 6.4.2 Wahrnehmungsadaptation
- 6.4.3 Wahrnehmungsset
- 6.4.4 Wahrnehmung und der Faktor Mensch
- 6.5 Gibt es außersinnliche Wahrnehmung tatsächlich?
- 6.5.1 Was ist außersinnliche Wahrnehmung?
- 6.5.2 Vorahnungen oder Einbildungen?
- 6.5.3 Außersinnliche Wahrnehmung auf dem Prüfstand
Zusammenfassung
Wie wir die Welt wahrnehmen: Einige grundlegende Prinzipien
- Das Zusammenspiel von Aufmerksamkeit und Wahrnehmung: Bei einem Vorgang, der herkömmlich als Empfindung bekannt ist, erfassen der Sehsinn, der Hörsinn, der Geschmackssinn, der Geruchssinn und der Tastsinn eine physikalische Energie in der Umwelt und enkodieren sie in Form neuronaler Signale. Mit Hilfe des Wissens und der Erwartungen nimmt unser Gehirn in diesen Signalen eine Bedeutung wahr. Wir richten unsere Aufmerksamkeit selektiv auf eine begrenzte Anzahl von Daten und verarbeiten sie, während sie auf unsere Sinnesorgane einprallen; andere blenden wir aus. Die konzentrierte Aufmerksamkeit kann Blindheit durch Unaufmerksamkeit bzw. Veränderungsblindheit oder sogar Auswahlblindheit zur Folge haben.
Wahrnehmungstäuschungen
- Psychologen sind von Wahrnehmungstäuschungen fasziniert, weil sie zeigen, wie wir normalerweise Empfindungen organisieren und interpretieren. Wenn visuelle und andere sensorische Informationen einander widersprechen, löst unser Gehirn die Nichtübereinstimmung gewöhnlich so, dass es die visuellen Daten akzeptiert, eine Tendenz, die als visuelle Dominanz bezeichnet wird. Stehen Hörsinn und Tastsinn gegeneinander, dominiert wahrscheinlich der Hörsinn.
Wahrnehmungsorganisation
- Gestaltpsychologen suchen nach Regeln, mit deren Hilfe das Gehirn Bruchstücke sensorischer Daten in Gestalten oder sinnvollen Formen organisiert. Diese Forscher betonten den alten Lehrsatz, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist. Dadurch zeigten sie, dass wir ständig sensorische Informationen ausfiltern und daraus so auf Wahrnehmungen schließen, dass sie für uns einen Sinn ergeben. Der wahre Kern bleibt weiterhin richtig, auch wenn die aktuelle Forschung zeigt, dass Empfindung und Wahrnehmung Bestandteile eines kontinuierlichen Informationsverarbeitungssystems sind, zu dem sowohl Bottom-up- als auch Top-down-Verarbeitung gehören.
- Die Figur-Grund-Beziehung und die Prinzipien der Wahrnehmungsgruppierung bei der Formwahrnehmung: Um ein Objekt zu erkennen, müssen wir es zuerst wahrnehmen, d. h. als Figur sehen, die sich von ihrer Umgebung (dem Grund) deutlich unterscheidet. Wir bringen Ordnung und Form in die Welt der Reize, indem wir die Reize in sinnvollen Gruppierungen organisieren und dabei den Regeln der Nähe, der Ähnlichkeit, der Kontinuität, des Zusammenhangs und der Geschlossenheit folgen.
- Tiefenwahrnehmung ist unsere Fähigkeit, Objekte in drei Dimensionen zu sehen, obwohl auf unsere Retina nur zweidimensionale Bilder auftreffen. Ohne die Tiefenwahrnehmung wären wir nicht in der Lage, die Entfernung, die Höhe und die Tiefe zu beurteilen. Die Forschung zur visuellen Klippe hat bei 6-14 Monate alten Kleinkindern gezeigt, dass Tiefenwahrnehmung teilweise angeboren ist. Viele Arten von Lebewesen nehmen die Welt schon von Geburt an oder kurz danach als dreidimensional wahr.
- Binokulare Hinweisreize sind Hinweisreize für Tiefe, die auf Informationen aus beiden Augen beruhen. Beim Hinweisreiz der retinalen Disparität berechnet das Gehirn die relative Entfernung eines Objekts, indem es die leicht unterschiedlichen Bilder, die vom Objekt auf die beiden Retinae treffen, miteinander vergleicht. Je größer der Unterschied ist, desto näher muss das Objekt sein. Beim Hinweisreiz der Konvergenz berechnet das Gehirn, wie stark unsere Augen neuromuskulär angespannt sind, wenn sie sich nach innen bewegen, um ein Objekt in der Nähe anzusehen. Je größer die Anspannung (oder der Konvergenzwinkel), desto näher das Objekt.
- Monokulare Hinweisreize gestatten es uns, Tiefe mit Hilfe von Informationen zu beurteilen, die nur von einem Auge übermittelt werden. Binokulare Hinweisreize setzen dagegen Informationen von beiden Augen voraus. Zu den monokularen Hinweisreizen gehören:
- relative Größe (etwas Kleineres ist weiter entfernt),
- Interposition (versperrt uns ein Objekt die Sicht auf ein anderes, ist es näher als das andere Objekt),
- Relative Klarheit (ein Objekt im Nebel ist weiter entfernt als ein Objekt, das man klar und deutlich sehen kann),
- Texturgradient (wenn sich die Textur verändert, sind grobe, deutlich strukturierte Objekte nah, feine, nicht mehr unterscheidbare weiter entfernt),
- Relative Höhe (Objekte, die weiter oben im Gesichtsfeld liegen, sind weiter entfernt),
- Relative Bewegung oder Bewegungsparallaxe (wenn man sich bewegt, scheinen sich Gegenstände, die eigentlich unbeweglich sind, ebenfalls zu bewegen),
- Zentralperspektive (je stärker zwei parallele Linien konvergieren, desto weiter entfernt sind sie),
- Licht und Schatten (nähere Gegenstände reflektieren mehr Licht als weiter entfernte Gegenstände)
- Bewegungswahrnehmung: Wenn sich Objekte quer über unsere Retina oder auf sie zu bewegen, machen wir die grundlegende Annahme, dass schrumpfende Objekte sich von uns weg bewegen und größer werdende Objekte sich uns nähern. Aber wir können uns nicht immer auf unsere Bewegungswahrnehmung verlassen. Möglicherweise berechnen wir mit Hilfe unseres peripheren Sehens die Geschwindigkeit der Bewegung großer Objekte falsch. Wenn die Bilder auf der Retina in schneller Abfolge auftreffen, so kann dies eine Bewegungstäuschung hervorrufen, wie bei der stroboskopischen Bewegung (ausgelöst durch eine rasche Abfolge leicht variierender Bilder) oder beim Phi-Phänomen (ausgelöst durch ein schnelles An- und Ausschalten zweier stationärer Lichtquellen).
- Beim Sehen ist die Wahrnehmungskonstanz Voraussetzung dafür, dass man ein Objekt unabhängig von der Änderung des Blickwinkels, der Entfernung oder der Beleuchtung erkennt. Wegen dieser Fähigkeit nehmen wir Objekte als etwas wahr, was trotz der sich verändernden Bilder, die sie auf die Retina projizieren, unveränderliche charakteristische Merkmale hat.
- Bei der Formkonstanz handelt es sich um unsere Fähigkeit, vertraute Objekte (wie etwa eine sich öffnende Tür) als in ihrer Form unveränderlich wahrzunehmen. Größenkonstanz bedeutet, Objekte trotz ihrer sich verändernden Bilder auf unserer Retina als unveränderlich in ihrer Größe wahrzunehmen. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen wahrgenommener Größe und wahrgenommener Entfernung. Wenn man die Größe eines Objekts kennt, so ist das ein Anhaltspunkt für seine Entfernung; wenn man seine Entfernung kennt, ist das ein Hinweis auf seine Größe. Dieses Zusammenspiel führt uns bisweilen in die Irre, wenn wir etwa monokulare Hinweisreize für Entfernung fehlinterpretieren und zu falschen Schlüssen kommen wie bei der Mondtäuschung, der Ponzo- Täuschung und der Müller-Lyer-Täuschung.
- Bei der Helligkeitskonstanz handelt es sich um unsere Fähigkeit, ein Objekt als etwas wahrzunehmen, was eine konstante Helligkeit hat, auch wenn sich die Beleuchtung - das Licht, das darauf geworfen wird - ändert. Die Farbkonstanz ermöglicht es uns, die Farbe eines Objekts als unveränderlich wahrzunehmen, auch wenn sich die Beleuchtung ändert. In beiden Fällen nimmt das Gehirn die Eigenschaft (Helligkeit oder Farbe) als relativ zu den Objekten in der Umgebung wahr.
Wahrnehmungsinterpretation
- Die Forschung zur Wiederherstellung des Sehvermögens und zur sensorischen Deprivation leisten einen Beitrag für unser Verständnis, wie Anlage und Umwelt bei unserer Wahrnehmung zusammenwirken: Wären alle Aspekte der visuellen Wahrnehmung von Geburt an vollständig vorhanden, müssten die Menschen, die blind auf die Welt kamen, aber nach einer Operation wieder sehen konnten, eigentlich eine normale visuelle Wahrnehmung haben. Das ist aber nicht der Fall. Nach einer operativen Beseitigung des Katarakts z. B. können Erwachsene, die von Geburt an blind waren, zwischen Figur und Grund unterscheiden und Farben wahrnehmen, ihnen fehlt aber die Erfahrung, Gestalten, Formen und ganze Gesichter zu erkennen. Weitere Befunde gibt es für Tiere, die mit stark eingeschränktem visuellen Input aufwuchsen und die eine bleibende Sehstörung bekamen, als sie wieder normalen visuellen Reizen ausgesetzt wurden. Klinische und experimentelle Befunde deuten darauf hin, dass es eine kritische Phase für einige Aspekte der Entwicklung von Sensorik und Wahrnehmung gibt. Ohne die Stimulierung durch die frühen visuellen Erfahrungen entwickelt sich die neuronale Organisation des Gehirns nicht normal.
- Bekommen Menschen Brillen aufgesetzt, die die Welt leicht nach links oder nach rechts verschieben oder gar völlig auf den Kopf stellen (Umkehrbrillen), sind sie anfangs desorientiert, aber es gelingt ihnen schon bald, sich an den neuen Kontext anzupassen und sich, mit einiger Übung, problemlos zu bewegen. Diese Forschung demonstriert unsere Fähigkeit, uns an ein künstlich verändertes Gesichtsfeld anzupassen und unsere Bewegungen in Reaktion auf diese neue Welt zu koordinieren.
- Ein Wahrnehmungsset ist eine mentale Prädisposition, die die Funktion eines Brillenglases hat, durch das wir die Welt sehen. Wieder einmal treten Anlage und Umwelt in eine Wechselwirkung: Die sensorischen Signale prallen an unseren Erfahrungen, erlernten Annahmen und Überzeugungen ab. Weil unsere erlernten Begriffe (Schemata) als Vorreiz (Prime) dienen, um nicht eindeutige Reize in bestimmter Weise zu organisieren und zu interpretieren, bringt unsere Wahrnehmung unsere Version der Realität zum Ausdruck. Deshalb »sehen« manche von uns Monster, Gesichter und Ufos bzw. »hören« Botschaften und andere nicht.
- Wenn wir einen bestimmten Reiz wahrnehmen, den wir mit Hilfe mehrerer unterschiedlicher Schemata interpretieren könnten, durchforsten wir den unmittelbaren Kontext nach Informationen. Kontext schafft Erwartungen, von denen unsere Wahrnehmungen geleitet werden. Ein emotional getönter Kontext kann unsere Interpretation des Verhaltens anderer Menschen (und unseres eigenen Verhaltens) beeinflussen. Wahrnehmungsset und Kontexteffekte gehen eine Wechselwirkung ein und tragen dazu bei, dass wir unsere Wahrnehmungen konstruieren.
- Arbeitspsychologen ermutigen Entwickler und Designer dazu, die Wahrnehmungsfähigkeiten des Menschen mitzubedenken, den Fluch des Wissens zu umgehen und den Test am lebenden Objekt einzuplanen, um vor der Produktion und dem Vertrieb der fertigen Produkte Probleme aufzudecken, die auf die Wahrnehmung zurückgehen. Psychologen, die sich mit dem Faktor Mensch beschäftigen, haben für mehr Sicherheit im Flugverkehr und in der Raumfahrt gesorgt, für besser designte Geräte, Ausrüstungen und Arbeitsumgebungen sowie für leichter benutzbare Hörhilfen.
Gibt es außersinnliche Wahrnehmung tatsächlich?
- Außersinnliche Wahrnehmung ist eine Form angeblicher paranormaler Phänomene (eine weitere Form ist die Psychokinese). Die 3 am besten überprüfbaren Formen der außersinnlichen Wahrnehmung sind
- die Telepathie (Kommunikation von einer Seele zur anderen),
- Hellsehen (Wahrnehmung räumlich entfernter Ereignisse) und
- Präkognition (Wahrnehmung künftiger Ereignisse).
- Die Skepsis der meisten Psychologen an den Universitäten konzentriert sich auf 2 Hauptpunkte, wobei der letzte der wichtigere ist:
- Um an außersinnliche Wahrnehmung zu glauben, muss man der Meinung sein, das Gehirn könne wahrnehmen, ohne sensorische Signale zu bekommen.
- Parapsychologen konnten die Phänomene der außersinnlichen Wahrnehmung bisher nicht unter kontrollierten Bedingungen replizieren (reproduzieren).